„Bringt Mentaltraining wirklich was?" Bei ihr geht man nicht nur mit Blumen nach Hause.
Das sagen Alexandra Haigerers Kundinnen, nicht sie selbst: „Ich nehm nicht nur ein Werkstück mit heim — ich hab das Gefühl mit heim gekriegt." Zum Mentaltraining ging sie rund 2009, mit einem sehr bescheidenen Motiv: einmal für sich. 17 Jahre später steckt es in ihrer Lehrlingsausbildung, in ihren Gesprächen und in der Trauerbinderei.
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Wolfgang setzt sich mit ehemaligen Teilnehmer:innen zusammen, statt Werbeversprechen zu machen. Alexandra war rund 2009 da. Was ist davon übrig? Ein Gespräch von 36 Minuten, aufgenommen bei ihr im Garten — sein Hund war auch dabei.
Alexandra hatte, als sie hingegangen ist, ein Geschäft, Mitarbeiterinnen und laufend Lehrlinge. Der Grund, warum die meisten nicht gehen, ist selten Desinteresse. Meistens sind es diese vier Sätze.
Was sie im Interview beschreibt, ist kein zusätzlicher Punkt im Kalender. Es ist etwas, das in Gespräche hineingerutscht ist, die sie ohnehin jeden Tag führt — mit Lehrlingen, mit Kundinnen, mit Menschen, die gerade jemanden verloren haben.
Alexandra Haigerer hatte sich vorher nie mit Mentaltraining beschäftigt. Sie führte ihr Blumengeschäft, bildete Lehrlinge aus, hatte Mitarbeiterinnen. Dann tauchte Wolfgang über Monate immer wieder in ihrem Umfeld auf — ohne dass sie danach gesucht hätte.
Wolfgang kennt das Muster und benennt es im Gespräch trocken: „Spätestens wenn es das dritte Mal da ist, muss man sagen: Jetzt schau ich mir das an." Manche gingen darüber hinweg — dabei sei es ein Wink gewesen.
Also ging sie hin. Für sich. Was dann passierte, hatte sie so nicht geplant: Sie merkte, dass der größere Teil des Nutzens gar nicht bei ihr landete, sondern im Umgang mit den Menschen um sie herum — mit den Lehrlingen, den Mitarbeiterinnen, den Kundinnen.
Danach besuchte sie die Mentaltrainer-Ausbildung — damals ausschließlich in Präsenz, eine Online-Variante gab es noch gar nicht. Die Abschlussprüfung hat sie nicht abgelegt; die Floristik hat sie wieder eingeholt. Sie erzählt das im Interview ohne jedes Bedauern, mit einem Satz, der besser ist als jedes Diplom: „Ich glaube, dass man sowieso immer in Ausbildung ist."
Wenn man Alexandra fragt, was am schwersten war, kommt keine Methode und keine Übung. Es kommen drei kleine Wörter, die fast jeder ständig sagt.
Die Auflösung ist Wolfgangs Standardsatz aus dem Seminar, und sie ist unspektakulär: Sag, was du willst — nicht, was du nicht willst. Alexandra zieht daraus aber sofort die unbequeme Konsequenz:
Was daraus im Alltag wurde, beschreibt sie handwerklich: „Man ist auch ein bisschen achtsamer mit den Worten. Hoppala, noch mal zurück — ich muss den Satz neu formulieren." Wolfgang sagt dazu, dass genau dieses Zurücknehmen fehle: Die meisten ließen einen Satz stehen, obwohl sie im selben Moment merken, dass er nicht stimmt. „Das ist dann wie ein Besiegeln."
Und dann macht Alexandra etwas, das in diesem Gespräch dauernd passiert: Sie übersetzt es zurück in ihr Handwerk.
Nichts davon ist spektakulär. Alles davon ist Seminarinhalt. Und sie erzählt es 17 Jahre später, ohne nachdenken zu müssen.
Zur Floristik gehört die Trauerbinderei. Menschen kommen in ihr Geschäft, denen gerade jemand aus dem Leben gerissen wurde, und es muss ein Gespräch geführt werden. Alexandra sagt, das sei die Stelle, an der sie das Mentaltraining am deutlichsten anwendet.
Ihr Weg dahin war ein eigenes Erlebnis: Als ein enger Freund plötzlich starb, band sie den Kranz selbst. „Bei jeder Blume fällt dir was anderes ein" — sie weinte und lachte gleichzeitig, hörte seine Musik, gab viel in den Kranz hinein. Als er dann am Grab lag, war für sie ein großes Stück Trauerarbeit erledigt, „weil ich es ja mitgegeben hab".
Seither fragt sie ihre Kundinnen und Kunden: „Möchtest du dabei sein? Magst du selber mitmachen, ein paar Blumen hinlegen, was tun?" Es werde, sagt sie, gern angenommen.
Wolfgang dazu im Gespräch: Echte Trauerarbeit habe unsere Gesellschaft weitgehend verlernt — „und dann die ewig hinausgezogene. Kein Verstorbener möchte eine jahrelange Trauer."
Hier geht es um das gemeinsame Gestalten eines Abschieds mit Blumen — nicht um Trauerbegleitung, Beratung oder Therapie. Wenn dich eine Trauer über längere Zeit nicht loslässt, wende dich bitte an deine Hausärztin, deinen Hausarzt, an eine Psychotherapeutin oder eine Trauerberatungsstelle.
Alexandra Haigerer führt seit rund 25 Jahren ihr eigenes Blumengeschäft, seit gut zwanzig davon in Mattighofen. Sie bildet laufend Lehrlinge aus, macht Trauerbinderei und hat über Jahre ein Sommerferienprogramm für Kinder angeboten — meistens draußen, im Wald.
Was ihre Kundinnen im Interview zitiert bekommen, beschreibt ihr Geschäft besser als jede Werbung:
Wolfgang bringt es im Gespräch auf den Punkt: „Du gibst ein Geschenk weiter." Und über sie selbst: „Schön, dass es Menschen wie dich gibt, die über den Tellerrand rausschauen und anderen helfen."
bluetenpracht.at ansehen →Alexandra ist nach dem Training in die Ausbildung gegangen — nicht, um damit zu arbeiten, sondern weil sie es genauer wissen wollte. Genau das ist bei ihr geblieben. Damals ging das nur in Präsenz; heute gibt es dieselben Inhalte auch online.
Wolfgang führt das RE-agieren Institut für Mentaltraining in Österreich und bildet seit 2007 Mentaltrainer:innen aus — mittlerweile über 350 Diplom-Absolvent:innen.
Warum er diese Reihe überhaupt macht, sagt er in dieser Folge selbst: Er merke sich außergewöhnlich viel von seinen Teilnehmer:innen, „weil ich meine Teilnehmer liebe" — und irgendwann sei ihm der Gedanke gekommen, sie einfach zu fragen, ob es etwas gebracht hat.
Was er im Seminar tut, beschreibt er unpathetisch: „Ich fühl mich manchmal wie ein Bildhauer, der was runterklopft von etwas, was eh schon da war."
Und was er im Interview über Wunschlisten sagt, gilt für ihn selbst: Das Expeditionsmobil auf dem Foto steht nicht für etwas Erreichtes. Es steht für etwas, das noch vor ihm liegt.
Gegen Ende des Gesprächs erzählt Wolfgang, dass er nie zweimal denselben Weg nach Hause gefahren ist — sondern die Bauernwege, die Waldwege, auch nachts, mit den Kindern im Auto.
Alexandra ist irgendwann auch einmal mitgefahren — und erinnert sich im Interview noch gut daran.
Gemeint ist dieses Fahrzeug. 2005 hat sich Wolfgang damit einen Kindheitstraum erfüllt — ein riesiger gelber Geländewagen, genau so, wie er ihn sich als einsames Kind ausgemalt hatte. Elf Jahre ist er Hummer H2 gefahren, zuerst den gelben, dann einen roten.
Er war beides zugleich: erfüllter Wunsch und rollende Werbefläche fürs Seminargeschäft. Die Meinungen dazu waren geteilt — die allermeisten positiv.
Alexandra sagt, dieser eine Satz aus dem Seminar ziehe sich seither durch ihr ganzes Leben. Wenn du wissen willst, woher er kommt und was sonst noch dazugehört: Die Ausbildung ist der Weg, den sie gegangen ist.
Die Mentaltrainer-Ausbildung ansehen →Jede Folge ist ein Mensch, der vor Jahren bei Wolfgang in der Mentaltraining-Ausbildung oder im Seminar war. Und jedes Mal dieselbe Frage: Hat das eigentlich etwas gebracht?